Die Geschichte der Volkshochschulen
Alle kennen die Volkshochschule. Nur sie bietet flächendeckend ein derart breites Spektrum an Weiterbildung, welches für jeden Menschen sein passendes Bildungsangebot bereithält. Seit über einem halben Jahrhundert sind die Volkshochschulen im Alltag unserer Bundesrepublik Deutschland fest verankert. Ihre Erfolgsgeschichte ist untrennbar verbunden mit gelebter Demokratie. Ihren Bildungsauftrag leiten sie aus den Prinzipien der Aufklärung und den universalen Menschenrechten ab. Sie stehen für das Recht auf Bildung, die Möglichkeit, lebenslang lernen zu können, und für Chancengerechtigkeit, kurz: für die Umsetzung des humanistischen Gedankenguts heute und in der Zukunft.
Das war nicht selbstverständlich. Es bedurfte eines demokratischen Staatswesens, damit die Forderung, Bildung als Allgemeingut anzuerkennen und Erwachsenenbildung zu fördern, institutionelle Formen annehmen konnte. Ihre erste Gründungsphase erlebten die Volkshochschulen demzufolge zu Beginn der Weimarer Republik. Die neue Demokratie brauchte nicht nur mitarbeitende, sondern auch mitdenkende Bürgerinnen und Bürger. Insbesondere sollte die Arbeiterschaft Versäumtes nachholen und sich weiterbilden können, ohne Einschränkung durch ein gefordertes religiöses Bekenntnis, eine bestimmte politische Gesinnung oder gar Parteizugehörigkeit.
Unter der nationalsozialistischen Diktatur waren die Volkshochschulen massiven Repressionen ausgesetzt, wurden aufgelöst oder unter anderem Namen in das Erziehungsregime eingepasst. Nach dem Krieg wurden sie im Zuge des Aufbaus der Demokratie, vielfach mit Unterstützung der alliierten Besatzungsmächte und der Wenigen, die aus der Emigration zurückkehrten und in Deutschland wieder Fuß fassen konnten, neu gegründet. „Education for Citizenship“ war einer der Leitgedanken des Wiederaufbaus.
Mit der Teilung Deutschlands gingen zwangsläufig auch die Volkshochschulen getrennte Wege. In der DDR wurden sie in das staatliche Bildungssystems integriert. Damit hatten sie auch die politischen und ideologischen Vorgaben des Staates umzusetzen. Ihnen fiel vor allem die Aufgabe zu, Schulabschlüsse und Sprachkenntnisse zu vermitteln sowie auf ein Fachstudium vorzubereiten. Die Volkshochschulen im Westen behielten ihre Programmbreite bei, ergänzten ihr Angebot jedoch im Zuge der Bildungsreform ab den 70er Jahren ebenfalls stärker als zuvor um systematisches und abschlussbezogenes Lernen.
Schon Ende 1989 nahmen Volkshochschulen in Ost und West wieder intensivere Kontakte miteinander auf, sodass es beim Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten auch zu einer Vereinigung der Volkshochschulen unter einem gemeinsamen Dachverband kommen konnte.
Die Volkshochschulen stützten sich seit ihrer Gründung in der ersten deutschen Demokratie und erneut seit der Wiederbegründung in der zweiten auf das Bildungsinteresse im Bürgertum sowie die Bildungsanstrengungen in der Arbeiterschaft. Die politisch-kulturellen Umbrüche der 70er und 80er Jahre inspirierten die Volkshochschularbeit zu neuen Themen wie die Gleichstellung von Mann und Frau, Umwelt oder Migration. Die neuen Orientierungen fanden großen Anklang in der Bevölkerung wie auch bei den Beschäftigten der Volkshochschulen selbst. Begriffe wie Emanzipation, Partizipation und schließlich Integration und Inklusion wurden zu Leitwerten.
Die Volkshochschulen haben in ihrer wechselvollen Geschichte gelernt, dass sich mit veränderten Lebensbedingungen, mit neuen Anforderungen und Möglichkeiten auch die Bildungsbedürfnisse der Menschen ändern. Dem werden sie gerecht, indem sie diese aufnehmen und sich nicht verweigern, auch sich selbst zu verändern. Der stetige gesellschaftliche, ökonomische und politische Wandel fordert das Selbstverständnis der Volkshochschulen als öffentliche, demokratisch verantwortete Bildungsinstitution immer wieder neu heraus.
Fragen nach ihrer Identität und ihrem Auftrag unter veränderten Bedingungen gehören zur kritischen Selbstreflexion der Volkshochschulen. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen stärkt die Fähigkeit der Volkshochschulen zur Innovation. Bei aller Verschiedenheit der strukturellen Bedingungen von Volkshochschularbeit und aller Vielfalt der einzelnen selbstständigen Volkshochschulen führen solche Diskussionen stets umso klarer zum Kern des Selbstverständnisses von Volkshochschulen zurück: Der gemeinsamen Idee von Bildung in öffentlicher Verantwortung.
Mit ihrer Bereitschaft und ihrer Fähigkeit, sich an neue Bedingungen anzupassen, ist es den Volkshochschulen in ihrer Geschichte gelungen, in ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Bildungsbereitschaft zu wecken und die aktuellen Bildungsbedürfnisse der Menschen mit den gesellschaftlichen Erfordernissen der Zukunft zu verbinden. So haben sie sich zur führenden Institution der Erwachsenen- und Weiterbildung entwickelt. Dafür standen und stehen die Volkshochschulen: Sie sind flexibel, veränderungsbereit und bleiben zugleich in ihrem Kern unverwechselbar.

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